117. Deutsche Meisterschaften Schwimmen in Berlin
Die größte Leistungsschau der DSV-Verbandsgeschichte
Beckmann schlägt neue Wege
ein
von Gerd H e y d n
Berlin (schwimm-press) Der Schwimmsport im DSV schlägt neue Wege ein: Mit den 117.
Deutschen Meisterschaften vom 21. bis 26. Mai in Berlin präsentiert der DSV die größte
Leistungsschau in seiner Verbandsgeschichte! An den sechs Wettkampftagen werden in den
beiden 50-m-Becken der Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark insgesamt 330 Titel in
der offenen Klasse, bei den Junioren, der Jugend und in den einzelnen Jahrgängen vergeben.
Zusätzlich werden die Sieger bei den Jüngsten im Jugend-Mehrkampf ermittelt.
Gemeldet haben 273 Vereine mit 1436 Aktiven, die insgesamt 4441 Einzel- und 114
Staffelstarts absolvieren. Im Olympia-Jahr 2004 waren es vergleichsweise 173 Vereine mit
1754 Einzel- und 86 Staffelstarts bei 614 Athleten.
DSV-Sportdirektor Ralf Beckmann verspricht sich von der kompakten Zusammenlegung „zum
gleichen Zeitpunkt unter einem Dach mehr Druck von unten nach oben“, vom
Nachwuchsbereich zur elitären Spitze. Beckmann: „Wir werden durch diese Meisterschafts-Konzeption zwangsläufig zu einer Angleichung im Trainings- wie im Wettkampf-Prozess von
den ‚Kleinen‘ zu den ‚Großen‘ kommen. Gefordert ist für alle der gleiche Zielpunkt, auf den die
jeweilige persönliche Top-Leistung ausgerichtet sein soll.“
Meisterschaften in ähnlicher Größenordnung hat der DSV bereits in den 80-er Jahren
siebenmal mit Erfolg in Form einer sogenannten „Schwimm-Woche“ durchgeführt, zuletzt 1989
in Dortmund und Kamen.
Im Mittelpunkt der Titelkämpfe steht die offene Klasse mit gleichzeitiger Qualifikation für die
Weltmeisterschaften in Montreal (17. bis 31. Juli) in 40 Wettbewerben (einschließlich sechs
Staffel-Wettbewerbe). Ab 2006 trennt der DSV dann grundsätzlich die Ausscheidungen für das
jeweilige internationale Top-Ereignis des Jahres (Olympische Spiele, WM und EM) von den
Deutschen Meisterschaften - ähnlich wie es Amerikaner und Australier seit Jahren mit Erfolg
praktizieren.
Ab 2006 kein Sommerloch mehr
Im Anschluss an die Finals der offenen Klasse finden am Nachmittag „en bloc“ die Endläufe in
drei Kategorien der Junioren I und II sowie der Jugend mit insgesamt 90 Entscheidungen statt.
Die Deutschen Jahrgangsmeister im Nachwuchsbereich und die Sieger im Jugend-Mehrkampf
(keine offizielle Deutsche Meisterschaft) werden jeweils über die Vorläufe am Vormittag
ermittelt: insgesamt 200 Titel in den Jahrgängen 1986-1992 (weibl.) bzw. 1986-1991 (männl.).
Qualifikations-Charakter hat die DM auch für die JEM-Jahrgänge (weiblich 1989/90, männlich
1987/88) in Bezug auf die Junioren-Europameisterschaften in Budapest (14. bis 17. Juli).
Mit der Saison 2005/2006 tritt eine grundsätzliche Änderung in der Wettkampf-Struktur für
Deutschlands Schwimmer ein. Die künftige Wettkampf-Planung sieht dann drei Zyklen mit
inhaltlich ähnlichen Grundstrukturen anstelle der bisherigen zweiteiligen Jahres-Periodisierung
vor. Ralf Beckmann verspricht sich von dieser Umstrukturierung eine Qualitätssteigerung für
den gesamten deutschen Schwimmsport.
Die Platzierung der Sommer-DM in die Nähe des jährlichen internationalen Top-Ereignisses
führt im gesamten DSV zu einer zeitlich koordinierten Wettkampf-Ausrichtung im Rahmen des
offiziellen Meisterschafts-Programms. Die neue Wettkampf-Struktur ist unter den DSVSpitzentrainern
ausgiebig diskutiert und vom Fachausschuss, dem Gremium mit allen 18
Landesschwimmwarten, einstimmig verabschiedet worden.
„Das bisherige Sommer-Loch für das Gros der deutschen Schwimmer verschwindet. Denn mit
Ausnahme für die EM-, WM- oder Olympia-Teilnehmer endet nach unserer bisherigen Struktur
die Saison bereits Ende Mai mit den Deutschen Meisterschaften, die gleichzeitig auch
Qualifikation für das bevorstehende internationale Top-Ereignis waren,“ so der Team-Chef in
seiner Begründung für eine Neuerung in der Wettkampf-Planung. „Jeder leistungsorientierte
Schwimmer muss früh genug lernen, im Hochsommer zu neuen persönlichen Bestleitungen zu
kommen. Um nichts anderes geht es bei einer JEM, EM, WM und erst recht bei Olympischen
Spielen.“
In der laufenden Saison findet die Qualifikation für die WM in Montreal noch einmal im Rahmen
der Deutschen Meisterschaften in Berlin acht Wochen vor dem internationalen Top-Ereignis
statt. Die Qualifikations-Normen des DSV sind wie immer an Platz zwölf der „bereinigten“
letztjährigen Weltrangliste (zwei Schwimmer pro Nation/Wettbewerb) ausgerichtet. In zwei
Fällen, den 200 m Brust (2:13,90) und den 50 m Freistil (22,30) der Männer liegt diese Richtzeit
gar unterhalb der aktuellen Deutschen Rekorde (2:14,56 Johannes Neumann/Regensburg und
22,33 Nils Rudolph/Hamburg). Über 200 m Lagen der Männer entspricht die geforderte Richtzeit
von 2:01,06 exakt der Marke des Deutschen Rekordes (Christian Keller/Essen).
Voraussetzung bleibt dabei aber Platz eins oder zwei im A-Finale der DM. Beckmann geht trotz
der harten Kriterien auch in der nach-olympischen Saison von einer „Mannschaftsstärke von 26
bis 28 Athleten“ für Montreal aus, wobei die sechs Staffeln bei den Männern und Frauen wie
immer die Korsettstangen des WM-Teams bilden sollen. Für Beckmann beginnt mit der nacholympischen
Bestandsaufnahme nach Athen gleichzeitig der Weg nach Peking 2008.
Zeit zum Aufbruch für junge Athleten
Auf einige über mehr als ein Jahrzehnt bewährte und erfolgreiche Schwimmer/innen müssen
Beckmann und Bundestrainer Manfred Thiesmann allerdings in Berlin und in Konsequenz auch
bei der WM in Montreal verzichten: Allen voran auf Franziska van Almsick (Neukölln), nun
schon im elften Jahr Weltrekordlerin über 200 m Freistil, Kathrin Meißner (Spandau), die seit
1987 in der Weltspitze stand, und Aktivensprecher Christian Keller (Essen), 1993 Deutschlands
erster Kurzbahn-Weltmeister, die alle drei am Sonntag, 22. Mai, im Rahmen der DM von DSVPräsidentin
Dr. Christa Thiel und Ralf Beckmann verabschiedet werden.
Die fünfmalige Weltmeisterin Hannah Stockbauer (Erlangen) nimmt derzeit ebenso eine „Auszeit“ wie Britta Steffen (Neukölln). Die Titelverteidiger Heiko Hell (Hamburg/400 m Freistil),
und Jochen Hanz (Neukölln/400 m Lagen) haben ihren Rücktritt erklärt. Van Almsick (100 und
200 m Freistil, 100 m Schmetterling), Stockbauer (400/800 m Freistil), Keller (200 m Lagen),
Hell und Hanz sowie Janine Pietsch (Ingolstadt), die die 100 m Rücken kampflos abgibt und
sich aus gesundheitlichen Gründen ganz auf die 50-m-Sprints konzentriert, machen den Weg
frei für neue Meister auf insgesamt neun der 34 Einzel-Wettstrecken.
Zeit zum Aufbruch also für junge nachdrängende Schwimmer/innen wie die Berlinerinnen
Sophie Dietrich (Jahrgang 1989), jüngere Schwester des WM-Teilnehmers Johannes Dietrich,
und Stephanie Backhaus (Neukölln/Jahrgang 1987), die beide schon mit Ambitionen auf die
4x200-m-Freistilstaffel in Berlin antreten werden, Daniela Schreiber (Jahrgang 1989) aus
Halle/Saale über 100 m Freistil, Steffen Deibler (Biberach/50,100, 200 m Freistil) und vor allen
den letztjährigen dreifachen Junioren-Europameister Paul Biedermann (200, 400 und 1500 m
Freistil), ebenfalls aus Halle.
Biedermann hatte sich 2004 bei der JEM mit seinen 1:48,62 Minuten über 200 m Freistil bereits
auf Platz 16 der Jahres-Weltrangliste katapultiert, war damit nur unwesentlich langsamer als
Meister Jens Schreiber (Hannover/1:48,57). In Athen war Biedermann noch nicht dabei, bei der
DM in Berlin gilt er nun als aussichtsreicher Anwärter für die WM-Staffel 2005. Olympia-Teilnehmer Schreiber selbst, wenn auch schon 22 Jahre alt, gehört im Hinblick auf Peking 2008
noch zu den Hoffnungsträgern im DSV.
Die Olympia-Fünfte Teresa Rohmann (Erlangen/Jahrgang 1987), die bei der Kurzbahn-EM in
Wien über 200 m Lagen bereits ihren ersten internationalen Titel gewann, Daniela Götz
(Erlangen/1987), Olympia-Dritte mit der 4x100-m-Lagenstaffel, oder die Olympia-Teilnehmer
Helge Meeuw (Wiesbaden) und Marco di
Carli (Sögel/Achter 100 m Rücken) haben den Wechsel auf die Zukunft bereits im vergangenen
Jahr für den DSV eingelöst. Bei der DM 2005 werden sie noch stärker in den Mittelpunkt
rücken.
Unvermindert im Blickpunkt stehen die Olympia-Dritten Antje Buschschulte (Magdeburg/200 m
Rücken) und Anne Poleska (Essen/200 m Brust), Thomas Rupprath (Hannover), Sarah Poewe
(Wuppertal), wie Anne Poleska als Studentin in den USA engagiert, Steffen Driesen
(Uerdingen), Jens Kruppa (Riesa), Lars Conrad (Hannover), Jana Henke (Potsdam), Nicole
Hetzer (Burghausen), Petra Dallmann (Heidelberg) oder Annika Mehlhorn (Baunatal). Antje
Buschschulte hat wie etliche andere auch in dieser nach-olympischen Saison ihr
Hauptaugenmerk wieder aufs Studium gelegt, glaubt aber noch, von dem harten Training des
Vorjahres profitieren zu können. Die 26-jährige Studentin der Neurobiologie hat gleich für fünf
Strecken in Berlin gemeldet: 100 m Freistil, 50, 100 und 200 m Rücken und 50 m Schmetterling.
Thomas Rupprath (28) belässt es bei vier Strecken (50/100 m Rücken und Schmetterling). Der
Profi, der sich nach Athen von Wuppertal nach Hannover verändert hatte, hielt sein Trainings-Pensum unvermindert hoch und hat im Vorfeld der nationalen Titelkämpfe bereits wieder
Leistungen erzielt, die ihn in Berlin auf höchstem internationalen Niveau erwarten lassen. Anne
Poleska (25) hat sich nach Rückkehr aus den USA mit ihrer amerikanischen Trainerin Sonya
Porter noch eine Woche auf Mallorca auf die Meisterschaften vorbereitet. Konkurrentin Sarah
Poewe (22), Olympia-Fünfte in Athen über 100 m Brust, verzichtet wegen der derzeit höheren
Belastung im Studium (Sport-Kommunikationswissenschaften) auf einen Start über 200 m
Brust.
Wieder in der nationalen Spitze aufgetaucht ist Daniela Samulski von der SG Bayer
Wuppertal/Uerdingen/Dormagen, deren Karriere nach der EM 2002 in Berlin bereits beendet
schien. Die 20-jährige Berlinerin kehrte nach eineinhalbjähriger Pause in die Schwimmer-Szene
zurück, wechselte von der Spree an die Wupper zu Henning Lambertz und schwamm in dieser
Langbahn-Saison bislang den einzigen Deutschen Rekord. Samulski hatte im März über 50 m
Schmetterling in 26,57 Sekunden ihre eigene Bestleistung (26,86) um knapp drei
Zehntelsekunden verbessert. Mit ihrer alten Rekordmarke war Daniela Samulski 2002 in Berlin
Vize-Europameisterin geworden. Bei der DM geht sie nun über 50 und 100 m Schmetterling wie
auch über 100 und 200 m Freistil (2:00,70 vor 14 Tagen) aussichtsreich ins Rennen um Titel
und WM-Fahrkarten.
„Oldie“ Warnecke mit 14 Kilo weniger
„Oldie“ Mark Warnecke möchte mit seinen mittlerweile 35 Jahren noch einmal Großes
vollbringen. Um 14 Kilo „abgespeckt“ auf (fast) ideales Kampfgewicht (aktuell 97 kg) kämpft der
Arzt, der sich wieder seinem alten Heimatverein SG Essen unter Horst Melzer angeschlossen
hat, um eine neuerliche WM-Fahrkarte, nachdem sich sein Traum von der fünften Olympia-
Teilnahme im vergangenen Jahr nicht erfüllt hatte. Warnecke steht als bestplatzierter DSVSchwimmer
in dieser Saison mit seinen 27,80 Sekunden über 50 m Brust auf Rang zwei der
Weltbestenliste. Nicht ausgeschlossen, dass der Olympia-Dritte von 1996 über 100 m Brust in
Berlin noch einmal an seinen aktuellen DSV-Rekord von 27,59 Sekunden aus dem Jahr 2001
heranschwimmt. Mit ähnlichen Überraschungs-Effekten liebäugeln auch Sandra Völker
(Berlin/31) und Stev Theloke (Chemnitz/27), um die es zuletzt sportlich etwas ruhiger geworden
ist. Beide werden in Berlin von Beate Ludewig trainiert.
Verstärkung für die DSV-Elite könnte zukünftig ein Syrer bringen. Laut DSV-Sportdirektor Ralf
Beckmann ist ein Startrechtwechsel für den 22-jährigen Rafed El-Masri angedacht. El-Masri ist
in Clausthal-Zellerfeld geboren, besitzt die syrische wie die deutsche Staatsangehörigkeit und
trainiert bei der SG Neukölln Berlin unter Norbert Warnatzsch. Im vergangenen Jahr war er
bereits Deutscher Vize-Meister hinter Carsten Dehmlow (Hamburg) über 50 m Freistil. Bei den
Olympischen Spielen in Athen ging er im Vorjahr noch für Syrien an den Start, wurde dort 18. in
den Vorläufen. Auch bei der WM im Juli in Montreal könnte Syrien El-Masri noch einmal
melden. Beckmann zieht einen möglichen Start für den DSV ab der kommenden Kurzbahn-
Saison in Betracht. Mit 22,37 und 22,44 Sekunden hat El-Masri in dieser Saison bereits zweimal
auf der Langbahn an dem Uralt-Rekord von Nils Rudolph (22,33) aus dem Jahr 1991 „gekratzt“.
Für die DM gilt der Lokalmatador über 50 m Freistil als einer der Top-Favoriten - ein neuer
Deutscher Rekord nicht ausgeschlossen.
Rekordverdächtige Staffeln aus Hannover
Rekordleistungen bei diesen Deutschen Meisterschaften müssten allerdings fast zwangläufig in
den Vereinsstaffeln über 4x100 m Freistil und 4x100 m Lagen durch die Wasserfreunde 98
Hannover fallen: Ein Quartett mit Jens Schreiber, Lars Conrad, Stephan Kunzelmann und
Thomas Rupprath (Freistil) bzw. Rupprath, Kamil Kasprowicz, Conrad und Schreiber (Lagen)
dürfte zu den stärksten Vereinsstaffeln in Europa zählen. Die aktuellen DSV-Rekorde stehen
bei 3:21,89 (EOSC Offenbach/ 1988) und 3:42,99 (ScW Berlin/2004).

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