
118. Deutsche Schwimm-Meisterschaften in Berlin
Noch einmal „Leistungsschau“ mit 330 Titelvergaben
Madsen: Keine Kompromisse in der EM-Qualifikation
von Gerd H e y d n
Berlin (schwimm-press) Für den neuen DSV-Sportdirektor Schwimmen Dr. Örjan Madsen bedeuten die 118. Deutschen Meisterschaften in der kommenden Woche in Berlin (20. bis 25. Juni) die erste große „Bestandsaufnahme“. Seine Handschrift freilich tragen diese Titelkämpfe noch nicht. Radikale Veränderungen des Trainings- und Wettkampfsystems hat Madsen ab Herbst mit Beginn der WM-Saison 2006/07 angekündigt. Die Meisterschaften 2006 werden wie im vergangenen Jahr noch einmal in der Tradition der „Schwimm-Woche“ eine komplette Leistungsschau für den DSV bieten. Ab 2007 werden die Titelkämpfe für den Nachwuchs dann wieder abgekoppelt.
273 Vereine haben für 1436 Aktive insgesamt 4441 Einzel- und 114 Staffelmeldungen abgegeben. Inklusive der 40 Entscheidungen in der „offenen Klasse“ werden in Berlin 330 Meistertitel für die Junioren, die Jugend und in den einzelnen Jahrgängen vergeben. Aus dem Kreis der Titelverteidiger fehlen lediglich die zurückgetretene frühere Europameisterin Jana Henke, die 2005 noch drei Titel (400/800/1500 m
Freistil) in Berlin gewann, Sandra Völker (50 m Freistil), die im Herbst Mutterfreuden entgegensieht, und die Olympia-Fünfte von Athen über 200 m Lagen, Teresa Rohmann (200/400 m Lagen), die nach einer neuerlichen Schulter-Operation erst wieder im September mit gezieltem Training „einsteigen“ wird.
Die nationalen Titelkämpfe sind gleichzeitig Qualifikation für die Europameisterschaften in Budapest (26. Juli bis 6. August), die Junioren-EM in Palma de Mallorca (6. bis 9. Juli) wie auch für die Premiere der Junioren-Weltmeisterschaften in Rio de Janeiro (22. bis 27. August). Bei der JWM in Rio wird der DSV nur mit einer kleinen Mannschaft vertreten sein.
Die Finals in der offenen Klasse finden im Sinne der TV-Übertragungen von ARD und ZDF (rund vier Stunden live) von Mittwoch bis Sonntag jeweils mittags statt.
„Der neuerliche Ausfall von Teresa Rohmann ist natürlich ein Verlust für unser EM-Team in Budapest“, konstatierte Sportdirektor Madsen. „Wir haben mit einer 28-köpfigen Mannschaft geplant. Ich gehe davon aus, dass wir mit Abschluss der DM in Berlin plus/minus 30 Athleten im Team haben werden.“ Das läuft auf eine Mannschaftsstärke hinaus, wie sie der DSV in den letzten Jahren eigentlich immer ausgewiesen hat – bei der WM im vergangenen Jahr in Montreal waren es exakt 30 Schwimmerinnen und Schwimmer.
Die ausgewiesenen Nominierungs-Kriterien basieren 2006 für die EM in Budapest auf Platz zehn der „bereinigten“ europäischen Bestenliste, die nur zwei Athleten pro Land/Disziplin berücksichtigt. Die Norm-Unterbietung bezieht sich auf das Finale bei der DM in Berlin. Athleten, die die Norm-Unterbietung im A-Finale der WM 2005 in Montreal bereits einmal erreicht haben, genießen zwar einen Bonus – der reicht jedoch nur in Verbindung mit Platz eins oder zwei im DM-Finale. Madsen: „Um möglichen Streitpunkten von Anfang an entgegenzuwirken: Ich werde die Nominierungs-Kriterien unmissverständlich handhaben. Das heißt – eine Hundertstelsekunde über der Qualifikationszeit ist nicht gut genug!“
Das größte Programm aus dem Kreis der DSV-Elite will sich – zumindest auf dem Papier – mit sieben Starts der 21-jährige Helge Meeuw (SC
Wiesbaden) zumuten. Meeuw und dessen Freund, Marco di Carli (21/SG Frankfurt), die sich im vergangenen Jahr einen Meistertitel über 100 m Rücken zeitgleich geteilt hatten, könnten in Berlin mit ihren Leistungen weiter in eine Führungsposition im DSV drängen. Di Carli hatte seine „Zelte“ nach nur einem knappen halben Jahr in Südafrika bei Trainer Dirk Lange, seinem ehemaligen Heimtrainer in Hamburg, wieder abgebrochen.
Mit Meeuw und di Carli sollten auf dem Marsch nach Peking 2008 auch Junioren-Europameister der letzten Jahre wie Steffen Deibler (18/TG Biberach), Paul Biedermann (19/SV Halle) oder Benjamin Starke (19/PSV
Cottbus) gestiegene Ambitionen anmelden. Ihnen gegenüber stehen etablierte Athleten wie Weltrekordmann Thomas Rupprath (29/Wfr. 98 Hannover), Steffen Driesen (24/SG Bayer W’tal/Uerd./Dorm.), Stefan Herbst (26/SSV Leutzsch) oder Stev Theloke (28/SC Chemnitz). Für Theloke ist es nach dem Eklat im vergangenen Jahr bei der WM in Montreal, als er von Madsens Vorgänger als Sportdirektor, Ralf Beckmann, nach Hause geschickt worden war, eine neue sportliche Chance, noch einmal ins internationale „Geschäft“ zurückzukehren.
Im Falle seiner Qualifikation in Berlin, hat Theloke bei der EM in Budapest immerhin einen Titel über 50 m Rücken zu verteidigen. Die Qualität auf den Rückenstrecken gehört allerdings immer noch zum Feinsten, was der deutsche Schwimmsport in einer Disziplin zu bieten
hat: Mit Rupprath, Driesen, Meeuw, di Carli und Theloke kann der DSV über 50 und 100 m Rücken gleich fünf Aktive an den Start bringen, die europäische Spitzenklasse verkörpern.
Deutschlands einziger aktueller Weltmeister (50 m Brust), Mark Warnecke (36/SG Essen), frisch vermählt, Arzt und Jung-Unternehmer, wird zwar in Berlin starten, hegt aber keine Ambitionen auf die EM in Budapest. In den zurückliegenden Monaten hat sich der älteste Schwimm-Weltmeister aller Zeiten mehr um die Ausrichtung seiner beruflichen Zukunft bemüht, wird sich mit Beginn der neuen Saison dann wieder konzentriert dem Schwimmsport widmen. Die fünfte Olympia-Teilnahme 2008 bleibt für den „Oldie“ unverändert ein erstrebenswertes Ziel.
Mit den besten Empfehlungen aus der Vor-Saison kommt die Würzburgerin Annika Liebs (26) nach Berlin: Zweimal schwamm sie die 200 m Freistil in diesem Jahr auf der 50-m-Bahn bereits unter 1:59 Minuten, steigerte ihre persönliche Bestzeit auf erstklassige 1:58,52 Minuten, die bislang beste Leistung einer deutschen Schwimmerin in der Ära nach Franziska van Almsick. Deren Weltrekord steht seit der EM 2002 in Berlin auf 1:56,64 Minuten. „Annika Liebs muss ihre Leistung auf diesem Niveau jetzt erst einmal stabilisieren. Es wäre vermessen, jetzt einen weiteren ‚Quanten-Sprung’ von ihr zu erwarten“, warnt Madsen vor überzogenen Erwartungen in Berlin.
Zurück ins DSV-Team für die Europameisterschaften wollen Nicole Hetzer (27/SV Wacker Burghausen) und die frühere Junioren-Europameisterin Britta Steffen (22/SG Neukölln), die ebenfalls schon im Vorfeld der DM mit ansprechenden Leistungen aufgewartet haben. 2005 fehlten beide bei der WM in Montreal. Britta Steffen sucht ihre Chancen über 50, 100 und 200 m Freistil (u.a. gegen Annika Liebs), Nicole Hetzer bei ihren sechs angekündigten Starts u.a. über 200 und 400 m Lagen – in Abwesenheit von Teresa Rohmann – in einem alten Duell mit Annika Mehlhorn (22/SG ACT/Baunatal).
Höhepunkte der Deutschen Meisterschaften könnten die Auftritte von 100-m-Rücken-Vize-Weltmeisterin Antje Buschschulte (27/SC Magdeburg) und Kurzbahn-Weltmeisterin Janine Pietsch (23/SC Delphin Ingolstadt) über 50 und 100 m Rücken werden. Pietsch schwamm vor Jahresfrist mit 28,19 Sekunden Weltrekord über 50 m Rücken, der inzwischen von der Weißrussin Aleksandra Herasimenia eingestellt worden ist. Antje Buschschulte hat nach wie vor Priorität auf den Abschluss ihres Studiums (Neuro-Biologie) gelegt.
Aktivensprecherin Anne Poleska (26/SG Essen), Olympia-Dritte und Vize-Weltmeisterinn über 200 m Brust, wird sich nach abgeschlossenem Studium (Business Management) in den USA und einem Praktikum bis Ende Mai in einer Düsseldorfer Werbe-Agentur ganz auf den Schwimmsport konzentrieren. “Ich mache keine halben Sachen“, gibt Anne Poleska ihre persönliche Parole mit Hinblick auf Peking 2008 aus. Die DM in Berlin und die EM 2006 nimmt sie als besseres „Warm-Up“ für ihr großes Ziel aus. Und dafür muss sie sich gegenüber Athen und Montreal noch weiter steigern.
In Berlin kommt es auf den Bruststrecken zu neuerlichen Duellen mit der früheren Kurzbahn-Weltmeisterin Sarah Poewe (23/SG Bayer W’tal/Uerd./Dorm.), Simone Weiler (27/SV Nikar Heidelberg) und Birte Steven (25/VfL Sindelfingen). US-Studentin Sarah Poewe hat in den letzten drei Monaten wieder einmal in ihrem Heimatland Südafrika trainiert. Wie das Rückenschwimmen der Männer, so hatte das Brustschwimmen der Frauen in der jüngeren Vergangenheit im DSV ein Gütesiegel europäischer Spitzenklasse.
Anfangszeiten der Finalabschnitte (offene Klasse)
Mittwoch, 21. Juni: Finals ab 13.00 Uhr
Donnerstag, 22. Juni: Finals ab 12.00 Uhr
Freitag, 23. Juni: Finals ab 12.45 Uhr
Samstag, 24. Juni: Finals ab 13.30 Uhr
Sonntag, 25. Juni: Finals ab 13.00 Uhr
TV-Zeiten
Das ZDF überträgt am Donnerstag, 22. Juni, von 14.05 bis 15.00 Uhr und am Sonntag, 25. Juni, von 13.02 bis 13.55 Uhr. Die ARD übernimmt den Freitag, 23. Juni, von 14.03 bis 15.00 Uhr sowie den Samstag, 24. Juni, von 15.03 bis 16.00 Uhr.
Hinweis für die Redaktionen
Eröffnet werden die Deutschen Schwimm-Meisterschaften 2006 mit einer Pressekonferenz u.a. mit dem neuen DSV-Sportdirektor Dr. Örjan Madsen und der Aktivensprecherin und Vize-Weltmeisterin 200 m Brust, Anne Poleska (SG Essen).
Die Pressekonferenz findet am Dienstag, 20. Juni, um 14.00 Uhr in der Schwimmhalle (Schwimm- und Sprunghalle an der Landsberger Allee, Paul-Heyse-Str. 29, 10407 Berlin) eine Stunde vor Wettkampfbeginn statt.